• Mario

Bock im Schneesturm - Pixel-Journey


Ich möchte dir jemanden vorstellen. Dieser Jemand kann jedoch nicht sprechen. Nennen wir Ihn vorerst Günter...

Günter lebt in hohen Lagen. Er ist sein ganzen Leben lang draussen, bei Wind und Witterung. Er darf dabei die wunderschöne Aussicht seiner Heimat bewundern und tut dies auch ausgiebig. Günter ist ein begnadeter Kletterer und kommt an so manchen Ort, an dem du und ich schon lange das zeitliche gesegnet hätten. Günter ist ein Steinbock… nicht irgend ein Steinbock – Günter ist einer von wenigen Steinböcken am Massiv des Creux du van im Schweizer Jura.

Nikon D850 | 1/3200 Sek. | f/5| ISO 800 | 250mm

Die Geschichte von meiner Begegnung mit Günter begann an einem verregneten Dezembertag kurz vor Neujahr. Ich hatte eine Tour auf den Creux du van geplant. Am Morgen musste ich, für meine Verhältnisse, viel zu früh aus den Federn. Was man nicht alles tut, in Aussicht auf ein gutes Bild.


Mit geschlossenen Augen und offenen Schnürsenkeln schlarpte ich an die Haltestelle vor meiner Wohnungstür. «Der Städter möchte tatsächlich wandern gehen» dachten sich wohl die Beifahrer in der Strassenbahn als ich, halb angezogen und mit grossem Wanderrucksack, durch die Tür stolperte.

Die lange anreise war entspannt. Nur das ich unterwegs einige Male gerne die Notbremse gezogen hätte, um die wunderschöne Landschaft nicht durch das Zugfenster hindurch fotografiere zu müssen. Schlussendlich habe ich aber vor der Strafe des “Missbrauchs der Notbremse“ kapituliert und mich für zivilen Gehorsam entschieden.


Am Creux du van angekommen (Bahnhof: Noiraigue) stand mir ein gemütlicher Aufstieg bevor. Schon nach kurzer Zeit machten sich jedoch meine Muskeln in den Beinen bemerkbar, welche eine erholsame Winterpause hinter sich hatten. Ich fluchte einige Male, die letzten Monate zu wenig Sport gemacht zu haben, aber es half alles nichts, der Berg war im weg und musste bezwungen werden.

Je weiter ich kam, so mehr wurde aus dem Regen Schnee. Erst ein kleiner Flaum auf dem Boden, dann sichtbar in der Luft. Oben angelangt konnte man dann schliesslich eher von einem Schneesturm sprechen. Man sah keine 50 Meter weit und ich war verdammt froh, dass ich am Morgen im Halbschlaf an die Thermowäsche und Handschuhe gedacht habe.


Ich wusste was ich wollte. Während des gesamten Aufstiegs entstand kein Foto mit der Spiegelreflexkamera. Ich ging einzig für die Steinböcke hoch. Also packte ich meine Kamera aus und machte mich auf die Suche. Ich hatte Hoffnung, da ich wohl der einzige Mensch auf dem Berg war und so die Steinböcke noch nicht im Dickicht verschwunden sind. Wenig später sollte sich das auch bewahrheiten.

Ich ging ca. einen Kilometer. Dann wurde ich Neugierig und wagte mich an den steilen Abhang heran. Wie durch ein Wunder ging ich genau dort an den Rand, wo man perfekte Sicht auf einen jungen, neugierigen Bock bekam. Er sollte mich noch lange beschäftigen und schliesslich Günter genannt werden.

Weitwinkel, Smartphone-Kamera

Günter war an einem steilen Felsen und leckte Salz vom Stein. Er beäugte mich einige Zeit aufmerksam, was ich ihm nicht verübeln konnte. Der dachte sich wohl, was der Typ mit diesem riesigen schwarzen Kasten (meiner Kamera) da macht und warum der ihn besuchen käme bei dem Wetter. Ich konnte ihm diese Fragen leider nicht beantworten. Aber das musste ich scheinbar auch nicht. Günter vertraute mir… er leckte noch eine Weile an seinen Steinen und kam dann schliesslich auf mich zu. Als ob er mich kennen würde, lief er gemütlich in meine Richtung. Plötzlich hielt er inne und starrte aufmerksam an. Es war eine Art «Hoi du»… kurz darauf ging er weiter und lief nur zwei Meter vor mir durch den Schnee.

Der Moment sorgt bei mir noch heute für Gänsehaut, wenn ich daran denke.


Es war wunderschön dieses Tier in seiner Welt zu beobachten und den gegenseitigen Respekt zu spüren. Solche Momente im Kontakt mit Wildtieren sind für mich einzigartig. In der Regel kommen die Tiere jedoch nicht so nahe an Menschen heran. Günter ist sich wohl der Kontakt mit Menschen gewohnt. Die Tiere sind auch im Sommer auf dem Creux du van und entsprechend von Touristen umringt. Deshalb sollte man möglichst früh hochgehen, um die Tiere noch zu sehen. Oder mach‘s wie ich und geh an einem grauen, verschneiten Tag hin... da wirst du wohl alleine bleiben.


Mein Besuch auf dem Creux du van blieb einsam. Ich liess Günter seinen Weg gehen und ich ging meinen. Ich traf leider keinen weiteren Steinbock an. Einzige einige Soldaten vom Schweizer Militär kreuzten meinen Pfad. «Armi Sieche» dachte ich mir, tauschte einige Worte aus, und ging weiter.


Nach einigen weiteren Stunden im Schneesturm gab ich auf und trat, ohne weitere Steinbocksichtung, den Rückweg an.


Der Weg nach unten war sehr angenehm. Man sollte aber konzentriert bleiben – was ich schmerzlich feststellen musste.

Ich kann nun aus Erfahrung sprechen: Flieg an einem steilen Abhang besser nicht auf Fresse. Mach dies im Flachland, da schmerzt es weniger!

Bilanz der Tages:

+ ca. 50 Steinbockfotos

+ 1 Schmerzliche Erfahrung reicher

- 1 Wanderhose

- 1 Thermohose

- 1 Rolle Verband

+ 1 Stunde vor der Waschmaschine


Über die Nachbearbeitung verliere ich heute keine Worte. Nur so viel: Die Bilder waren nach 5 Minuten in Lightroom fertig:


Ich hoffe ich konnte dich mit meiner Geschichte zu Günter einige Minuten fesseln.

Gerne höre ich auch deine Geschichten und Erfahrungen!


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